"Masiren" und "Araber" in Nordafrika

 

Obwohl die Mehrheit (ca. 85 %) der Bevölkerung Nordafrikas masirischer Herkunft ist und zur Hälfte ( ca. 40 % der Gesamtbevölkerung)  eigene kulturelle Merkmale (Sprache, mündliche Überlieferung, Kunst u.a.) aufbewahrt hat, während die andere Hälfte mehr oder weniger arabisiert ist, werden die Masiren, deren Entwicklung zum heutigen Volk schon vor 9.000 Jahren in dem Raum zwischen der ägyptischen Grenze (Oase Siwah) und der atlantischen Küste (Kanarische Inseln Inbegriffen) im wesentlichen vollendet war, heute meistens nur noch als Randerscheinung oder sogar als Anomalie in der langen Geschichte ihres Landes betrachtet (116). Diese Tatsache ist das Endergebnis mehrerer Ursachen, deren Analyse, wenn auch kurz und lückenhaft, für das Verständnis der politischen, sozialen und kulturellen Situation in Nordafrika unerlässlich ist.

Das Wort "Berber" stammt von der arabischen Benennung "braber", die im 7. Jahrhundert von den Arabern gebraucht wurde, um die einheimische Bevölkerung Nordafrikas zu bezeichnen. Es bleibt umstritten, ob diese Benennung sich von dem lateinischen Lehnwort "barbarus" herleitet, mit dem die Römer nach dem Vorbild der Griechen die Völker außerhalb ihres Sprach-und Kulturkreises bezeichneten, und nach dem die in Nordafrika eindringenden Araber die nichtlatinisierte Bevölkerung "braber" genannt hätten oder ob, wie es der Archäologe G. Camps (117)vermutet, das Wort von einer alt-masirischen Wurzel herkommt. In der Zeit des griechischen Geschichtsschreibers Herodot (5.Jahrhundert v. Chr.) werden die weißen Einwohner Nordafrikas westlich von Ägypten "Libyer" genannt (daher die Bezeichnung "libysche Schrift" für die alt-masirische Schrift). Ein anderer Name -"afri"- wurde später von den Griechen und den Phönikern gebraucht, um die hellhäutige einheimische Bevölkerung des "Africa" genannten Gebietes um Karthago zu bezeichnen. Die Römer haben meistens die Namen der ihnen gut bekannten "Stämme" (gentes) gebraucht oder sprachen in einer ungenaueren Weise von "Numidern" (im Zentrum), "Mauren" (im Westen), "Getulen" und "Garamanten" (im Süden).

Die Araber haben zwei Hauptgruppen unterschieden: die Sanhadscha /Masmuda, die hauptsächlich sesshaft waren, zu denen aber auch Nomadengruppen, wie die Tuaregs oder die Lemtuna (die Gründer des Almoravidenreiches) gehören, und die Zenata, die hauptsächlich Nomaden waren und heute fast vollständig arabisiert sind.

Die heutigen Bezeichnungen (Kabylen, Schawya, Tuareg, Schlöh usw.) haben überwiegend eine herabsetzende Bedeutung und weisen lediglich auf eine bewusste Absicht hin, den Masiren jede eigene ethnische Identität zu verweigern. So bedeutet z.B. das Wort "Kabylen" (vom arabischen Wort "gabail") "die Stämme", das Wort "Schawya" bedeutete auf arabisch "die Schafhirten" und wurde einer zum Teil halbnomadischen Masirenvolksgruppe im Auresgebirge verliehen, die Bezeichnung "Tuaregs" (Singular "Targi") wurde offensichtlich vom arabischen Verb "taraga" (verlassen) abgeleitet, was zu unterschiedlichen Interpretationen führte: sie sollen ihr Land oder die Religion oder die islamische Gemeinschaft verlassen haben.  Die Masiren selbst, wie archäologische Funde gezeigt haben, nannten sich überall "Imazighen" (Singular "Amazigh"), d.h. auf masirisch "freie Männer", was laut Camps, dieselbe Bedeutung wie die Bezeichnung "Franken" hätte.

Die Herkunft der Masiren

Es wurde schon in der Antike über eine außerafrikanische Herkunft der Masiren spekuliert: für Sallust (1. Jahrhundert v. Chr.) stammen die Masiren von Persern, Medern und Armeniern ab, die Herkules nach Spanien begleiteten und dann nach Nordafrika wanderten, wo sie sich mit "Einheimischen" (Libyern und Getulen) mischten; nach Prokop (6. Jahrhundert v. Chr.) kommen die "Mauren" aus Kanaan her; nach dem Griechen Strabon (1. Jahrhundert v.Chr.) seien die Masiren aus Indien ausgewandert; Herodot (5.Jahrhundert v. Chr.) meinte, sie seien Nachkommen von Trojanern; Plutarch (1. Jahrhundert v. Chr.) nahm an, sie seien Olbier und Mykener.

Im Mittelalter bemühten sich die Araber nachzuweisen, dass die Masiren von semitischer Herkunft seien und haben natürlich die Version von Prokop bevorzugt. El Bekri z.B. schrieb, dass die Masiren nach dem Tode Goliaths von den Juden vertrieben wurden. Für Ibn Khaldun, den bedeutendsten arabischen Historiker, stammen "ohne Zweifel" die Masiren aus Kanaan und nur die Herkunft der Sanhadscha und Kutama (die Sanhadscha sind immerhin eine der wichtigsten Masirenvolksgruppen) sei umstritten. Ibn Khaldun fügte jedoch hinzu, dass die Sanhadscha und Kutama aus Jemen (Südarabien) stammen. Sie würden "Ifrikos" nach "Ifrikiya" (Afrika) geführt. All diese in der griechischen, römischen und arabischen Literatur  vertretenen Theorien wurden später (19./20. Jahrhundert) von Orientalisten, Ägyptologen und Philologen wiederentdeckt. In der Kolonialzeit wurden allerdings von französischen Amateuren und Akademikern neue Entdeckungen gemacht: die Masiren seien - wenn auch nur teilweise - Gallier oder Kelten, Germanen (Vandalen), Italer, Iberer usw., so dass G. Camps zu dem Schluss gekommen ist, dass es schwieriger wäre, Länder zu finden, aus denen die Masiren nicht kämmen. Solche, mit politischen Hintergedanken aufgestellte rassistische oder ethnozentrische Thesen über die Herkunft der Masiren verschweigen zwei wesentliche Tatsachen: erstens bilden die Masiren keine rassische, sondern eine kulturelle Einheit, die sich vor allem in der Sprache, aber auch in der Kunst und in der gesellschaftlichen Organisationsform trotz mannigfaltiger Unterschiede, widerspiegelt; zweitens wurde die masirische Kultur nirgendwo außer in Nordafrika beurkundet.

Die wenig für sich selbst erforschte masirische  Sprache schien auch vielen Autoren rätselhaft zu sein, obwohl Champollion schon 1858 Ähnlichkeiten dieser Sprache mit dem Altägyptischen erahnt hatte, was Marcel Cohen (118) 1920 bestätigte, indem er Masirisch mit Altägyptisch, Kuschitisch und Semitisch in einer gemeinsamen Sprachengruppe - hamito-semitisch genannt - eingliederte (119). Einer der wichtigsten Faktoren, der die Geschichte der Masiren dunkel, lückenhaft und oft widersprüchlich erscheinen lässt, ist, dass es keine bekannte schriftliche Darstellung der eigenen Geschichte gibt, obwohl die masirische Schrift als eine der ältesten Buchstabenschriften (120) im Mittelmeerraum gilt und viele Masiren für ihre geistigen Leistungen (in fremden Sprachen und für "universale" Zwecke) berühmt geworden sind. Es ist zwar schwierig wegen der Lateinisierung und dann der  Arabisierung der Namen eine erschöpfende Liste der Masiren zu geben, die zur "universalen" Kultur beigetragen haben, aber einige bekannte Namen sind bezeichnend für die Vielfalt: Der lateinische Literat Apuleus, der Kirchenvater hl. Augustin, der Grammatiker des Arabischen Ibn Adschurum El Sanhadschi  u.a. Obwohl alles darauf hindeutet, dass die Masiren ihre Schrift nicht für literarische Zwecke gebraucht haben, darf man aber nicht übersehen, dass der größte Teil der "libyschen" Inschriften, die von der ägyptischen Oase bis zu den kanarischen Inseln zu finden sind, nicht einmal entziffert wurden. Das Beispiel der Tuaregs, die heute die dieselbe Schrift meistens als Symbolszeichen benutzen, während sie ihre Literatur mündlich tradieren, muß mit der Tatsache konfrontiert werden, dass wenigstens in der Zeit des Königs Massinissa (203-148 v. Chr.) die masirische Sprache (mit der  masirischen Schrift) als Amtssprache und vielleicht auch als literarische Sprache gebraucht wurde, wenn auch dieser Ansatz auf einen fremden (punischen oder lateinischen) Einfluss zurückgeführt werden könnte.

 

Die Masiren und die Rivalität zwischen Karthago und Rom

Schließlich scheint es wichtiger sich zu fragen, warum keine dauerhaften Staatsstrukturen entstanden sind, die eine Entfaltung der  masirischen schriftlichen Literatur begünstigt hätten. Im Falle der Phönizier wäre es übertrieben von einer Kolonisierung Nordafrikas zu sprechen: die Phönizier waren vor allem Seefahrer und Händler, die eigene Erzeugnisse gegen Rohstoffe und Nahrungsmittel austauschten. Bis ins 5. Jahrhundert u. Chr. haben sie für ihre Niederlassungen in Nordafrika den Masiren Tribute entrichtet. Danach kam es zu einer wachsenden Rolle Karthagos, das 814 v. Chr. gegründet wurde und infolge des Untergangs der Mutterstadt Tyros eine Art Hauptstadt der phönizischen Siedlungen im westlichen Mittelmeerraum geworden war. Nach einer Niederlage durch die Griechen in Sizilien, die ihre Ansprüche auf Beherrschung des westlichen Mittelmeerraumes dauerhaft zerstörte, versuchten die "Punier", wie die Phönizier im westlichen Mittelmeerraum nunmehr hießen, eine territoriale Expansion im Hinterland Karthagos zu erzielen. Diese Expansion überschritt jedoch auf ihrem Höhepunkt kaum die Grenzen des heutigen Tunesiens (121).

Karthago bildete also in Nordafrika höchstens eine regionale Macht, die sich durch Vermählungen, Pakte und Intrigen bemühte, ihre Grenze zu sichern. Spätestens seit dem 4. Jahrhundert v. Chr. gab es in Nordafrika neben einer "mauretanischen" Dynastie (im heutigen Marokko) zwei rivalisierende Dynastien, die in einem geteilten Numidien (heutige Algerien und Westtunesien) regierten. 203 u. Chr. half Karthago dem König des westlichen Teils von Numidien, Syphax, das an Karthago angrenzende Reich Massinissas zu annektieren. Dem verdrängten König Massinissa gelang es jedoch nachher, dank der Hilfe Roms, ganz Numidien unter seiner Herrschaft zu vereinigen.

Die politische Einmischung der Römer, die schon Massinissa ertragen musste, um seine Macht zu konsolidieren, und die darauffolgende militärische Intervention dienten ganz bestimmten Zwecken: Nordafrika wurde zum wichtigsten Getreide- und Öllieferanten Roms, zur "Kornkammer Roms", wie es hieß, umgewandelt. Um dieses Ziel zu erreichen, spielten die Römer rivalisierende Masirische Kronprätendenten gegeneinander, wobei sie zunächst die Schwächung des stärkeren Reiches, des numidischen Reiches erreichten. Jugurtha (118-104 v. Chr.), ein Enkel Massinissas, der die Gefahr erkannte, vielleicht weil er seine Jugend in Rom verbracht und unter römischem Kommando in Spanien an der Spitze eines Numider-Heeres gekämpft hatte, widersetzte sich der römischen Absicht, Numidien nach dem Tod des Königs Micipsa 118 unter drei Kronprätendenten aufzuteilen, wie sie es schon 148 nach dem Tode Massinissas vergebens versucht hatten. Nach einem siebenjährigen Widerstandskrieg gegen die römischen Legionen wurde er von seinem Verbündeten und Schwiegervater Bocchus, dem König von Mauretanien, verraten: er wurde 105 v. Chr. an die Römer ausgeliefert und starb in einem Gefängnis in Rom.

Nach dem Zusammenbruch des Römischen Reiches entstanden mehrere (sechs bis acht) Masirenreiche neben dem Vandalenreich, das hauptsächlich die römische Provinz "africa" (122) umfasste. Archäologische Funde haben gezeigt, dass wenigstens einige dieser Masirenreiche lateinische und christliche Elemente in einer entstehenden römisch- masirischen Kultur integriert hatten. Masirenkönige ließen sich als Kaiser (Imperator) der Masiren und der Römer und manchmal auch als Diener Gottes (Servus Dei) ausrufen (123). Ihre Legitimationsgrundlagen gegenüber Stämmen oder Sippen, die sich als rein masirisch verstanden, waren vermutlich um so schwächer, als sie anderen feindlichen Kräften ausgesetzt waren: auf der einen Seite versuchten die Byzantiner (Oströmer) nach ihrem Sieg über die Vandalen das Römische Reich zurückzuerobern, auf der anderen Seite wuchs der Druck der bisher von den Römern jenseits des südlichen "Limes" gehaltenen Nomaden. Zusätzlich zu den von den Römern ziemlich gut bekannten Nomadenstämmen ist eine neue Art von Nomaden in die früher vom "Limes" geschützten Gebiete eingesickert: die aus linguistischen und soziokulturellen Gründen auch als "Neo-Berber" bezeichneten Zenata. Diese Vollnomaden, deren Dialekt sich wesentlich von den übrigen Masirendialekten unterscheidet und die sich teilweise zum Judentum bekannten, sollen die Kamele in Nordafrika eingeführt haben (124).

 

Die Islamisierung und ihre Auswirkungen

Um die kulturellen und gesellschaftlichen Folgen der Islamisierung Nordafrikas zu verstehen, ist es von Bedeutung, die islamische Religion, die zwischen 610 und 632 (Tod Mohammeds) auf der arabischen Halbinsel entstanden ist, kurz zu charakterisieren:

Im Vergleich zu der jüdischen Religion, die mit den Juden als auserwähltem Volk verbunden ist und zu der christlichen Religion, die von vornherein das Volk der von ihr anerkannten Propheten, die Juden, verfluchte, steht die Verbindung der islamischen Religion mit den Arabern als Volk in Widerspruch mit dem Universalismus, den sie selbst proklamiert. Im wesentlichen unterscheidet sich der Islam nur wenig von den zwei anderen monotheistischen Religionen, mit denen er den selben Mythos gemeinsam hat: Die jüdische historische Überlieferung, alle jüdischen Propheten und sogar viele jüdische Sitten und Tabus (125), die übrigens schon in Altägypten und anderen Gebieten des Mittleren Ostens verbreitet waren, werden vom Koran bestätigt. Der Gegensatz zwischen dem islamischen und dem christlichen Dogma liegt lediglich darin, dass Jesus vom Islam zwar als Prophet, nicht aber als Sohn Gottes anerkannt wird. Diese Auffassung war in der Zeit der Entstehung des Islams, 610, nicht neu. Die Frage der Natur Christi war innerhalb der Kirche heftig diskutiert: Erst 431 wurde am ökumenischen Konzil von Ephesus die Lehre des Nestorius, die die menschliche Natur Christi betonte, zugunsten der Bejahung der göttlichen Natur Christi verworfen (126).

 Der Islam war der christlichen Religion so nah, dass diese ihn lange als Ketzerei betrachtet hatte. Die Verbindung des Islams mit der jüdischen Religion, abgesehen davon, dass diese Religion sich auf ein bestimmtes Volk und ein bestimmtes Gebiet - das Gelobte Land - bezieht, ist noch enger. In der Tat wollte zuerst Mohammed die Juden als Verbündete gegen die Heiden gewinnen und sich von ihnen als Prophet anerkennen lassen. Er erkannte sie als auserwähltes Volk an und übernahm eine Reihe von jüdischen Praktiken, so das jährliche Fasten, die drei Gebetzeiten am Tage und die Gebetsrichtung nach Jerusalem(127). Diese Haltung gegenüber den Juden und die Verkündung, dass die Christen als "Schriftbesitzer" nichts zu fürchten brauchten, wird durch die Koranlehre verständlich: Es soll im Himmel ein Urbuch (Um El Kitab) aufbewahrt werden, aus dem Gott stückweise den einzelnen Völkern Offenbarungen mitteile. Der Koran bestehe aus den Offenbarungen in arabischer Sprache, die Gott dem Propheten Mohammed habe zukommen lassen(128). In der 42. Sure/ 5. Vers, heißt es ausdrücklich: "Also haben wir dir einen arabischen Koran geoffenbart, damit du warnest die Mutter der Städte(Mekka) und alle ringsum, und sie warnest vor dem Tag der Versammlung, an dem kein Zweifel ist - ein Teil im Paradies und ein Teil in der Flamme". Deshalb müssen sich theoretisch alle Araber zum Islam bekehren.

Gleichzeitig aber wird Argwohn gegen Christen und Juden gehegt: Der Islam war die wahre Religion, die Abraham, der Ur-Offenbarer; besaß, die auch Moses den Juden am Sinai und Jesus den Christen in Nazareth gepredigt hatte, die aber immer wieder von den betreffenden Gemeinden vergessen oder verfälscht wurde. Mohammed versteht sich also als der Wiederhersteller der reinen Religion Abrahams. Noch mehr, er schließt weitere Offenbarungen aus, die den anderen Völkern zuteil werden könnten, indem er als "Siegel" der Propheten, d.h. als der letzte in der Reihe der Propheten, antritt.

Der Islam teilt die weit in zwei Teile: "Dar Ul Islam", der Raum des Friedens, in dem neben den Moslems nur noch die Juden und die Christen toleriert werden, vorausgesetzt, dass sie sich der islamischen Ordnung unterworfen haben, und "Dar El Harb", der Raum des Krieges, d.h. das Land der Heiden, das zur Zerstörung bestimmt ist. Schließlich dürfen die Juden und Christen nur durch Verzicht auf politische Unabhängigkeit und Zahlung einer Kopfsteuer (dschizza) ihren Glauben behalten. Die Heiden dagegen müssen zwischen Bekehrung zum Islam, Tod oder  Sklaverei wählen. Die Anwendung von Gewalt für die Verbreitung des islamischen Glaubens (dschihad) ist nicht nur erlaubt, sie ist sogar eine Pflicht für den Moslem. 

So stellt sich der Islam zunächst als eine Neu-Interpretation der beiden im Nahen Osten vorhandenen monotheistischen Religionen dar, und zwar im Sinne der Aufrechterhaltung der arabischen Identität, die kulturell und politisch bedroht war..            ."Die sozialen Spannungen mussten zur völligen Anarchie führen, wenn es nicht gelang, 'staatliche' Machtorgane zu  schaffen, die Stammesfehden und Blutrachen eindämmten und dafür sorgten, dass den ungestümen Nomadenkriegern ein höheres Ziel ihres Tatendranges gestellt wurde" schreibt Ernst Werner (129). Auf der kulturellen Ebene befanden sich die Araber unter dem Druck der beiden monotheistischen Religionen, die immer mehr an Boden gewannen und den altarabischen Glauben zurückdrängten: Jüdische Kolonien hatten sich in mehreren Ortschaften Arabiens niedergelassen, und ganze arabische Stämme hatten sich zum Christentum bekehrt. Die religiöse Zersplitterung  wäre an sich kein Übel gewesen, hätte sie nicht den Ansprüchen der rivalisierenden Mächte Byzanz und Äthiopien auf der einen Seite und Persien auf der anderen Seite einen günstigen Boden geboten (130).

Mohammed war nicht der erste Prophet,  der eine Variante der beiden monotheistischen Religionen predigte (131). Sein Erfolg wurde von vielen Autoren darauf zurückgeführt, dass er den Arabern im richtigen Zeitpunkt nicht nur eine religiöse, sondern auch eine politische Botschaft übermittelte (132).  Mohammed widmete sein Leben einem hartnäckigen politischen und militärischen Kampf für die Gründung einer Gemeinde "Umma), die nicht mehr auf Blutsbande, sondern nur noch auf dem religiösen Glauben beruhen sollte. Als besonders bezeichnend gilt seine Strategie für die Bekehrung Mekkas, einer Ortschaft am Schnittpunkt zweier wichtiger Handelsstraßen, in der sich vor kurzem sein Stamm - der aristokratische Stamm der Quraisch - niedergelassen hatte, um Handel und Wucher zu treiben. Diese Stadt war nicht nur deshalb bedeutend, weil sie ein wichtiges Handelszentrum darstellte, sondern auch weil sie schon seit langem ein Wallfahrtsziel der heidnischen Araber war. Mekka war also ein Treffpunkt aller arabischen Stämme. Wie zunächst in der Oase Kinda, die laut Charles Rizk (133) der erste Tempel der arabischen Sprache war, fanden auch in Mekka während des großen Marktes poetische Wettkämpfe statt, die zur Entstehung des kulturellen Bewußtseins der Araber beigetragen haben: "Es ist kein Zufall, dass die großen arabischen Dichter der vorislamischen Zeit kurz (ca. ein Jahrhundert) vor Mohammed erschienen sind", schreibt Rizk.

Nach einem ersten Versuch die Mekkaner zum Islam zu bekehren, musste Mohammed mit seinen Anhängern nach einer von Judenbewohnten benachbarten Stadt, Jathrib (die danach Medina genannt wurde) 622 fliehen. Er sollte kurz darauf die Hoffnung aufgeben, die Juden zu der neuen Religion zu bekehren. Er widerrief 624 die Zugeständnisse, die er zunächst der jüdischen Religion machte: er erhöhte die Zahl der täglichen Gebete auf fünf und verlegte die Gebetsrichtung nach Mekka (nachdem Gott ihm offenbart habe, dass Mekka die "Mutter der Städte" sei). Die Verlegung der Gebetsrichtung nach Mekka sollte freilich auch die Befürchtungen der Kaufleute von Mekka beseitigen. Entscheidender waren aber die kriegerischen Unternehmungen Mohammeds: zuerst versuchte er durch Angriffe gegen Karawanen die Stadt Mekka wirtschaftlich zu erwürgen, dann kam es zu regelrechten Feldzügen, sowohl gegen die heidnischen Mekkaner, als auch gegen die Juden. Die unterworfenen jüdischen Bauern wurden gezwungen, als Gegenleistung für die Erhaltung ihres Grundeigentums jährlich die Hälfte ihrer Einnahmen den Moslems zu entrichten. "Er verteilte diese Einkünfte an seine Krieger, wobei ein Reiter die dreifache Summe eines Fußsoldaten erhielt. Damit begann das neue Staatswesen deutlich frühfeudale Züge anzunehmen", schreibt Ernst Werner (134).

 

 Als er 632 starb, hinterließ Mohammed den Arabern einen vereinigten Staat - eigentlich einen Bund von Stämmen, die sich der Autorität des Propheten unterworfen hatten - und vor allem eine Sammlung von schriftlichen Offenbarungen. Die als Rezitation für liturgische Zwecke abgefassten Äußerungen, die erst 656 von einer Kommission von Mekkanern in einer einzigen offiziellen Textausgabe veröffentlicht wurden, sollten eine tiefgreifende und vielfältige Wirkung auf die arabische und später die islamische Gesellschaft ausüben. Die Araber hatten nunmehr ein Buch, das nicht nur die metaphysischen Fragen deutlich beantwortete, sondern auch das ganze Leben der Menschen sowohl in der Gesellschaft als auch im Privatbereich bis ins Detail regelte. Auf der linguistischen Ebene sollte dieses Buch (Koran: Vortrag, Rezitation) eine grundlegende Umwälzung bringen: "Der Glaube, dass im Koran Allah durch den Propheten spricht, hat in der islamischen Theologie (seit dem 9. Jahrhundert) zum Dogma von der Ewigkeit des Korans als Gottes unerschaffenes Wort geführt (...). Die nichtarabischen Muslime sind daher gezwungen, entweder arabisch oder wenigstens die arabische Schrift zu erlernen", bemerkt K. Rudolf (135).

 

"De Begriff vom nichtarabischen Moslem war unvorstellbar"

Der Tod des Propheten führte trotzdem zu einem von der islamischen Literatur als "Rückkehr" (Ridda) bezeichneten Widerruf des mit Mohammed abgeschlossenen Bündnisses durch mehrere Stämme. Erst die Expansion sollte die Einheit der Araber festigen (136). Eine arabische Weltmacht gab es allerdings nur unter den Omajjaden, die von 661 bis 750 in Damaskus herrschten. Diese Zeitspanne wurde vor allem durch kriegerische Kampagnen in Richtung Osten und Westen (Fortsetzung des Krieges in Nordafrika, Durchbruch über Spanien bis nach Poitier in Frankreich) gekennzeichnet. Die Verwaltung der islamischen Herrschaftsgebiete oblag der arabischen Kriegerkaste, die überall am Wüstenrand Garnisonsstädte errichtete, denen eine vielfältige politische Funktion zugewiesen wurde: Niederlassung der Araber, Arabisierung und Islamisierung der Einheimischen. Die beiden letzten Vorgänge, Arabisierung und Islamisierung, gingen dabei Hand in Hand, nicht nur weil der Koran auf arabisch gelernt werden musste, sondern auch; weil die Bekehrung zum Islam über einen juristischen Umweg führte: Die Eingliederung des Bekehrten in einen arabischen Stamm, der ihn unter seinen Schutz nahm. "Der Begriff vom nichtarabischen Moslem war unvorstellbar (...)" (137).

Obwohl die Angaben über die Islamisierung Nordafrikas wie früher - im Falle der Römer - ausschließlich von der Seite der Eroberer stammen und deshalb nur mit äußerster Vorsicht zu behandeln sind, werden einige manchmal widersprüchliche Fakten allgemein angenommen. Der Widerstand der vor allem im Osten (römische Provinz "africa") etablierten Byzantiner war fast unbedeutend: bereits nach dem ersten arabisch-islamischen Einfall 645 erlitten sie eine entscheidende Niederlage. Danach wurden byzantinische Soldaten nur noch als Hilfstruppen von  masirischen Kräften gebraucht:  Der erste Führer des  masirischen Widerstandes war ein König von seßhaften und vermutlich teilweise christianisierten Masiren namens Koceila. Nachdem er von den Arabern festgenommen und misshandelt wurde, gelang es ihm zu entfliehen, den arabischen Befehlshaber Okba zu töten und schließlich die Araber aus Nordafrika vorläufig zurückzuwerfen. Nach seinem Tode 668 übernahm eine Königin der nomadischen Zeneten namens Dihiya die Führung des Krieges. Diese Königin, die durch ihren von arabischen Autoren verliehenen Zunamen "El Kahina" (die Weissagerin) bekannt ist, soll eine Wende in dem Widerstandskrieg gebracht haben, die sie mit dem folgenden Argument gerechtfertigt habe: "Die Araber jagen nach Städten, Gold und Silber, wir aber suchen nur Weideplätze." (138) Sie entschloss sich also eine Politik der verbrannten Erde zu verfolgen. Diese Methode (Verwüstung der Felder, Plünderung der Städte) soll die mehr oder weniger romanisierten Bauern und Städter bewegt haben, den Sieg der Araber mit Erleichterung aufzunehmen. Einige Autoren (139) haben daraus geschlossen, dass "El Kahina" nicht aus Patriotismus, sondern nur im Interesse ihres Nomadenstammes gehandelt hätte. Andere Autoren wie Ibn Khaldun und Charles-Andre Julien(140) behaupten, dass der kompromisslose Widerstand, den die Masirenkönigin bis zu ihrem Tode auf dem Schlachtfeld mehr als dreißig Jahre gegen die Moslems führte, nur auf ihren angeblichen leidenschaftlichen jüdischen Glauben zurückgeführt werden könnte. Diese Vermutung steht jedoch im Widerspruch zu anderen Angaben aus arabischen Quellen, die der Masirenkönigin außer dem Zunamen viele legendäre und symbolische Züge verliehen haben: Sie soll, nachdem sie ihren eigenen Tod während einer bevorstehenden Schlacht vorausgesagt hatte, ihre beiden Söhne aufgefordert haben, nach diesem Ereignis zum Feind zu überzulaufen und sich zum Islam zu bekehren. Diese Entscheidung ist zwar mit Realpolitik (Aufrechterhaltung von Familien- und Stammesprivilegien) vereinbar, nicht aber mit einer tiefen religiösen Überzeugung.

Der Widerstand der Masiren gegen die arabische Vorherrschaft

Der Widerstandskrieg der Masiren gegen die arabisch-islamischen Heere dauerte von ca. 660 bis 700 (Tod von "El Kahina"). Die Dauer der Kampfhandlungen, die von "El Kahina" betriebene Politik der verbrannten Erde, der Tod von berühmten arabischen Befehlshabern (Suheir Ibn Qais, Okba Ibn Nafi u.a.) und die zweimalige Zurückwerfung der Araber durch Koceila und dann durch "El Kahina", die die Araber nach deren Niederlage in Wadi-Tarda bis nach Gabes verfolgte, weisen auf den erbitterten Charakter des Widerstandes hin. Die Wege der Islamisierung Nordafrikas sind nur durch Angaben über arabische Methoden aus der Zeit der Omajjaden  zu rekonstruieren. Obwohl der Umfang der vorgefundenen Christianisierung durch das bekannte Ausmaß der Revolte  der Donatisten (141) gegen die offizielle Kirche und durch archäologische Funde außerhalb des römischen Herrschaftsgebietes geschätzt werden kann, bleibt das Verhalten der christlichen Masiren gegenüber dem Islam weitgehend unbekannt. Die christliche Religion ist jedoch nicht gleich aus Nordafrika verschwunden: Bis zum 12./13. Jahrhundert werden christliche Gemeinden vor allem in den Städten erwähnt. Die Juden, die sich in der römischen Zeit in Nordafrika ansiedelten und einige Masirensippen zum Judentum bekehrten, wurden im 15. Jahrhundert von den aus Spanien verriebenen Juden erheblich verstärkt. Die Juden bildeten bis zum 20. Jahrhundert eine beträchtliche Minderheit. Die Heiden mussten sich zum Islam bekehren, um dem Tod oder der Versklavung zu entkommen. Zahlreiche arabische Texte berichten über die Vernichtung von barbarischen Heiden oder der Versklavung von Frauen (142).

Die Islamisierung Nordafrikas ist keineswegs glatt verlaufen, sondern in einem widersprüchlichen Prozess, was einige Beispiele zeigen sollen: Zunächst bedeutete die Bekehrung der Masiren bei weitem nicht eine Anerkennung der arabischen Vorherrschaft. Diese dauerte nicht einmal 50 Jahre: Die 739 ausgebrochenen Aufstände im westlichen Teil Nordafrikas (Marokko) anläßlich Steuererhebungen bekamen sehr schnell eine ideologische Grundlage. Wie früher im Fall des Donatismus, wurde jetzt der Kharidschismus eine Waffe gegen die Fremdenherrschaft. Innerhalb von wenigen Jahren konnten die  masirischen Kharidschiten nach zwei wichtigen militärischen Siegen (740 und 742) fast ganz Nordafrika kontrollieren. Merkwürdigerweise konnten die Abassiden, die Nachfolger der Omajjaden, nur in der ehemaligen römischen Provinz "africa" 761 ihre Autorität wiederherstellen, allerdings nur bis zum 10. Jahrhundert). Wie früher nach dem römischen Zusammenbruch entstanden mehrere Masirische Reiche mit unterschiedlichen wirtschaftlichen und politischen Grundlagen.

 Eines dieser kharidschiten- Reiche verdient um so mehr Aufmerksamkeit, als die arabischen oder rechtgläubigen Autoren es nur als Kuriosum behandelt haben: das Bergwata-Reich (742-1148) an der atlantischen Küste des heutigen Marokkos, das immerhin vier Jahrhunderte dauerte bis es von rechtgläubigen Masirenn zerstört wurde. Der Gründer der Bergwata-Doktrin (Salih, oder vielleicht sein Enkel Yunus, der die Doktrin tatsächlich predigte) wollte nicht weniger, als nach dem Beispiel Mohammeds die monotheistischen Religionen für sein Volk zu reinterpretieren. Die Entwicklung des Bergwata-Reiches selbst ist ein interessantes Beispiel für das wachsende Masirische Selbstbewusstsein. Der Gründer des Reiches war Tarif, der aufgrund seiner Kriegstaten bei der Eroberung Spaniens auf der Seite des Befehlshabers Tarik Ibn Ziad berühmt wurde. Er nahm an den ersten kharidschitischen Aufständen teil und wurde als König von Tamesna anerkannt. Sein Sohn Salih soll, der Überlieferung gemäß, der eigentliche Gründer der neuen Religion gewesen sein, aber in der Tradition der schiitischen Verheimlichungsstrategie (taqqiya = Verheimlichung des wahren Glaubens) soll er vor der Öffentlichkeit, wenn auch als Patriot, gleichzeitig immer auch als rechtgläubiger Moslem aufgetreten sein. Dieses Verhalten legte auch sein Sohn Elias an den Tag. Erst Yunus, des Elias Sohn, der von 842 bis 884 regierte, verkündete, dass sein Großvater Salih der Prophet der Masiren sei und dass diesem ein heiliges Buch auf masirisch offenbart worden sei (143). Es ist leider unmöglich, sich eine genaue Vorstellung von diesem Buch zu machen, da es gründlich vernichtet wurde. Die Kommentare und Teilübersetzungen auf arabisch können nicht, auch wenn sie einige wahrscheinliche Angaben beinhalten, als zuverlässig und authentisch angenommen werden. Dagegen ist eines historisch belegt: Die Religion von Salih konnte sich, trotz ihrer Dauer, nicht über das Land der Bergwata hinaus verbreiten. Salih wurde von den anderen Volksgruppen nicht anerkannt, sondern nachgeahmt: Ein ähnliches Buch soll von einem gewissen H.M. aus dem Rifgebirge - den Fälscher zubenannt - im 10. Jahrhundert verfaßt und ebenfalls von Rechtgläubigen vernichtet worden sein. 

 

Die Ibaditen:  Merkmale eines  masirischen Reiches

Der Ibaditenstaat liefert ein weniger radikales und zugleich besser bekanntes Beispiel zunehmenden  masirischen Selbstbewusstseins. Dieser Staat wurde von gemäßigten Kharidschiten (Ibaditen) um 761 gegründet und umfasste ursprünglich ein Steppengebiet, das von Tlemcem (Westalgerien) bis Djebel Nafussa (Libyen) reichte. Ihre Hauptstadt, Tahert, lag nicht weit von der heutigen algerischen Stadt Tiaret. Im Gegensatz zu den Bergwata konnten Ibaditengemeinden bis heute in zerstreuten Zufluchtorten (M'Zab in Algerien, Djerba in Tunesien, Dschebel Nafussa in Libyen) überleben, so dass ihre Geschichte und Doktrin verhältnismäßig besser (sie haben sich nach der Zerstörung ihrer Hauptstadt Tahert 909 für die Verheimlichungsstrategie "taqqiya" entschieden) bekannt ist. Obwohl der Ibadismus nicht nur in Nordafrika, sondern auch im Nahen Osten vertreten war - der erste Imam (geistlicher Führer) von Tahert, Ibn Rostom, war übrigens aus Persien - erhielt das Tahertreich eine sehr deutliche masirische- Färbung. Dazu gehört zuerst die Regierungsform: Nicht nur konnte der gewählte Imam gemäß der kharidschiten Doktrin abgesetzt werden, sobald er seiner Stellung nicht mehr würdig war, sondern er musste auch gemeinsam mit einem permanenten Rat regieren. Der Druck der Öffentlichkeit war so groß, dass der Imam ein asketisches Leben führen musste. Auch die Bedeutung der Frauen kann als ein typisches Kennzeichen erwähnt werden: Viele Frauen wurden heiliggesprochen, darunter Assil (10./11. Jahrhundert) aus Djebel Nafussa, die sich wie die Französin Jeanne d'Arc von einer himmlischen Stimme leiten ließ. Es ist bezeichnend, dass diese himmlische Stimme sie auf masirisch angesprochen haben soll (144). Eine der wichtigsten Eigenschaften des Tahertreiches war jedoch der Unterricht und der schriftliche Gebrauch der  masirischen Sprache für das Abfassen von religiöser Literatur und Chroniken, ohne aber dass die arabische Sprache, die in dieser Zeit die Funktion einer internationalen Sprache angenommen hatte, verworfen wurde. Merkwürdigerweise sind heute die Schriften der Ibaditen entweder nur noch in ihrer arabischen Übersetzung erhalten oder total "verloren", bis auf ein jüngeres Werk (eine Sammlung von Vorschriften über Gebet, Fasten, Ehe, Ehescheidung usw.) in arabischer und in Masirischer Sprache (145). Die Hauptstadt Tahert entwickelte sich zu einem wichtigen kulturellen Zentrum, wo Perser, Araber, Juden und Christen innerhalb der  masirischen Mehrheit lebten.

Einige arabische Autoren haben von einer  masirischen "Schuubia" (Überlegenheitsgefühl oder nationaler Stolz auf Seiten der Nichtaraber) mit Ärger berichtet (146).

Das Ibaditenreich wurde gemeinsam mit den anderen beiden nordafrikanischen Hauptreichen, dem Idrisidenreich in Marokko und dem Aghlabidenreich in Tunesien, von den Fatimiden (Abkömmlinge der Tochter des Propheten, Fatima, und ihres Gatten All, die die Herrschaft über die Gläubigen beanspruchten) mit der Unterstützung eines Masirenvolkes, der Kutama aus Ost-Algerien, zerstört. Nachdem die Fatimiden mit Hilfe der Kutama Ägypten erobert und ein Gegenkalifat in Kairo aufgerufen hatten, machten sich ihre  masirischen Statthalter in Kairuan 1041 unabhängig, was den Zorn des "Gegenkalifen" in Kairo  auslöste und zu einem der wichtigsten Ereignisse der islamischen Zeit in Nordafrika führte: Der Kalif in Kairo ließ arabische Nomadenstämme, die Banu Hillal, die vermutlich aus Hungersnot infolge einer Dürre die arabische Halbinsel verlassen hatten und in Ägypten Unruhe stifteten, 1051; Nordafrika überfallen. Die genaue Zahl der Banu Hillal, die bald von anderen beduinischen Stämmen (die Beni Solaym und Maqil gefolgt wurden, ist zwar unbekannt, die Unruhen ihrer Invasion wurden jedoch von mehreren Autoren, darunter dem berühmtesten arabischen Historiker des Mittelalters Ibn Khaldun (1332-1406), als eine Wende in der Geschichte Nordafrikas bewertet (147).

Die ersten arabisch-islamischen Eroberer waren ausschließlich Krieger und Prediger, die sich zwar teilweise in Nordafrika ansiedelten, jedoch, wie früher die Phönizier und die Römer, hauptsächlich in den Städten wohnten. Viele haben einheimische Frauen geheiratet. Obwohl die ersten Stämme, die sich zum Islam bekehrten, von den Arabern als "Shorafa" (d.h. Nachkommen des Propheten) erklärt und mit der weiteren Verbreitung des Islams beauftragt wurden, hätten wahrscheinlich die genealogischen Fiktionen die linguistischen und kulturellen Tatsachen kaum verschleiern können. Die Invasion der Banu Hillal ist insofern einmalig in der Geschichte Nordafrikas, als es sich erstens um eine Einwanderung von Stämmen (mit Frauen und Kindern) handelte, deren Strukturen und Lebensweise denen der  masirischen Nomadenstämme der Zeneten ähnlich waren; die Banu Hillal zweitens nicht die Städte, sondern das Hinterland (Steppen, Wüste) bewohnt haben; und drittens schließlich die Eindringlinge aufgrund der religiösen Umstände und vermutlich auch der Vorteile, die eine Verschmelzung mit den Eroberern mit sich bringt, ihre beduinische Sprache den  masirischen Nomadenstämme beigebracht haben, statt, wie andere es vorher zweifellos getan haben, sich die masirische Sprache anzueignen. Die Verschmelzung der  masirischen Nomadenstämme mit den arabischen Beduinen wurde so weitvorangetrieben, dass sie heute nicht voneinander zu unterscheiden sind. Das betrifft hauptsächlich die Zeneten, denn die Zenetendialekte sind heute vollständig bei den Nomaden verschwunden, während die Tuareg und andere kleinere Nomadengruppen in Marokko ihre Sanhadschadialekte bewaht haben. Für die Landwirtschaft war die Invasion der Banu-Hillal, dieden Nomadendruck auf die seßhaften Bauern erheblich verstärkte, katastrophal. Ibn Khaldun hat in einer der berühmtesten Stellen seines Werkes über die Geschichte der Masiren (148), die Banu Hillal mit einem Heuschreckenschwarm verglichen. Die Ibaditen, die nach der Zerstörung ihrer Hauptstadt Tahert im 9. Jahrhundert nach Süden zurückweichen mussten, haben besonders unter diesen Nomaden gelitten. So soll der Gelehrte und Jurist Abd AI Kafi AI Tinawati aus Ouargla (Algerien), der über das Verhalten der arabischen Beduinen im 12. Jahrhundert in Mekka gefragt wurde, folgende Antwort gegeben haben: "Hier (auf der arabischen Halbinsel) ist ihr Land und ihr Besitzanspruch auf diesen Boden legitim. Der Maghreb (Nordafrika) ist das Land der Masiren. Sie sind nur mit der Absicht, zu stehlen, zu rauben und zu überfallen dort eingedrungen." Diese Meinung war keine Ausnahme: Sie wurde von mehreren Gelehrten der Ibaditengemeinde geäußert, die freilich auch  masirischen Nomadenstämme gemeinsam mit den arabischen Beduiner, verurteilten (149). Die Invasion der Banu-Hillal konnte aber nicht verhindern, dass ganz Nordafrika zum ersten Mal in der Geschichte der Masiren unter einheimischen Dynastien vereinigt wurde. Diese Vereinigung, die freilich auch Spanien einschloss, wurde jedoch von den Almoraviden (1055-1146) und dann den Almohaden (1125) im Namen der Religion und der islamischen Orthodoxie durchgesetzt.

Verschleierung und Entfernung der Frauen von der Politik

Der Gründer des Almoravidenordens war ein Priester eines masirischen Nomadenstammes, der verschleierten Lemtuna aus der westlichen Sahara, namens Ibn Yassin. Die wirtschaftliche Motivation spielte bei dem Epos der Almoraviden (arabisch:Al Murabitun) offensichtlich keine geringere Rolle als der religiöse Eifer: Ihr erstes Ziel war nämlich die Kontrolle der Goldhandelsroute, die von Ghana über Sidschilmassa - eine wichtige Stadt des Frühmittelalters, die eine Drehscheibe für Gold- und Sklavenhandel darstellte - nach Spanien führte.

Die Mittel, die zu diesem Zweck gebraucht wurden, waren, trotz der charismatischen Persönlichkeit Ibn Yassins, hauptsächlich militärisch: Zerstörung des Ghanareiches und Islamisierung der dort lebenden schwarzafrikanischen Stämme, Eroberung von Sidschilmassa, dann des westlichen Teil Nordafrikas und schließlich Spaniens. Der einzige masirische Charakter des Almoraviden-reiches war die erhebliche Rolle, die Frauen in der Staatsführung gespielt haben sollen. So wurde z.B. Sainab bint Is-hag, Frau von Ibn Taschfin, der die Führung des Reiches 1061-1088 übernahm, wegen ihres politischen Geschicks mit El Kahina verglichen. Das politische Gewicht dieser merkwürdigen Frau, die vorher mit dem militärischen Befehlshaber der Almoraviden verheiratet war, belegt eine vielsagende Kritik aus ihrer Zeit: "Nachdem die Almoraviden von einem Priester und einem Heiligen geführt wurden, werden sie jetzt von einer Frau regiert".  Die Verschleierung der Frauen und ihre Entfernung von der Politik zählten zu den wichtigsten "moralischen" Punkten einer sonst weitgehend auf das Ressentiment der sesshaften Stämme gegenüber den Nomaden beruhenden psychologischen Kampagne, die von einem Reformator aus dem Atlasgebirge, Ibn Tumart, dem Gründer des Almohadenreiches, geführt wurde. Ibn Tumart bediente sich zwar der  masirischen Sprache, um seine Botschaft zu übermitteln - er schrieb in seiner Muttersprache Schilhisch, dem  masirischen Dialekt der Masmuda, wenigstens drei theologische Werke, die wie fast alle anderen auf masirisch verfassten Werke "verlorengegangen" sind , nannte sich selbst aber in einem Brief an die Almoraviden "den Araber, den Quraischiten, den Haschemiten, einen Nachkommen des Propheten durch Fatima und al Hassan" (151).

Die Almohaden (arabisch: Al Muwahidun) haben das Werk der Almoraviden auf zwei Ebenen fortgesetzt: die Durchsetzung der islamischen Orthodoxie und die politische Vereinigung Nordafrikas. Die Almoraviden haben 1062 das Bergwatareich nach blutigen Schlachten zerstört, die Almohaden haben nicht nur die islamischen Häretiker (die Ibaditen u.a.) verfolgt, sondern auch das Christentum in ganz Nordafrika ausgelöscht. Jüdische Gemeinden konnten überleben, aber die Juden mussten nunmehr eine besondere Kleidung tragen. Viele Züge der heutigen islamischen Tradition in Nordafrika (Geschlechtertrennung, strikte Befolgung der koranischen Gebote bezüglich des Fastens sowie Nahrungsmittelverbote u.a.) sollen auf den Puritanismus Ibn Tumarts zurückzuführen sein (152).

Die Almohaden konnten zwar für ca. 70 Jahre ganz Nordafrika und Spanien unter ihrer Führung vereinigen, haben jedoch keineswegs den Aufbau eines  masirischen Nationalstaates angestrebt. Im Gegenteil: Nach ihrem entscheidenden Sieg 1152 über die Banu-Hillal in der Nähe von Setif (Algerien), haben sie  arabische Nomadenstämme in das Gebiet der Bergwata (atlantische Küste) umgesiedelt. Gegen einige Privilegien (Weiderecht, Steuerbefreiung) wurden diese Stämme beauftragt Steuern zu erheben und die Staatsordnung zu schützen, womit sie eine Methode einführten, die bis zur Gegenwart in Marokko von verschiedenen Dynastien gegen das "Bled As-siba" (Land der Rebellion, d.h. die von unabhängigen Stämmen kontrollierten  Gebiete) ständig gebraucht wurde (153). Das Almohadenreich, das unter Ibn Tumart als föderative theokratische Republik gedacht wurde, entwickelte sich nach dem Tod dieses religiösen Führers unter Abdel Mumindems militärischen Statthalter Ibn Tumarts  zu einer Monarchie, (Muminidendynastie).

Zersplitterung des Almohadenreiches und Aufnahme der Türken in Tunesien und Algerien

Diese Regierungsform erwies sich schließlich für die freiheitsliebenden Masiren als wenig geeignet. Ab 1236 spaltete sich Nordafrika in drei Kleinreiche, die an die Gliederung der Römerzeit erinnern: das Hafsidenreich im Osten (heutiges Tunesien und Ostalgerien), das Abdel-Waditenreich im Zentrum und das Merinidenreich im Westen. Diese Gliederung ist jedoch keineswegs auf regionale, linguistische oder wirtschaftliche Umgruppierungen zurückzuführen. Die Macht der Könige reichte nicht weit über die Stadtgebiete hinaus. Nach wie vor gab es eine inoffizielle Gliederung, die nichtsdestoweniger beständig war: Die eigenständigen Masirenstämme in den Bergen, die arabischen oder arabisierten Nomadenstämme in den Steppen und Ebenen, die Städter, die seit der Almoravidenzeit immer stärker von der "hispanisch-maurischen" Hofkultur beeinflusst wurden.

Die christliche "Reconquista"Spaniens  (11.-14. Jahrhundert) und die darauffolgende massive Aussiedlung der hispanischen "Mauren", die sich hauptsächlich in den alten nordafrikanischen Städten (Fes, Tlemcen, Constantine, Tunis u.a.) niederließen, verstärkte erheblich diese Tendenz. Die christliche Drohung zahlreiche normannisch-sizilianische, portugiesische und spanische Versuche in Nordafrika Fuß zu fassen - zog zwei wichtige Reaktionen nach sich, die bis zur französischen Kolonialzeit (ab 1830) das politische und kulturelle Leben Nordafrikas prägten: Aufblühen von populären islamischen Bruderschaften und Aufruf zur islamischen Solidarität gegen die christlichen Feinde. Das bedeutete vor allem Verteidigung der Hafenstädte. Ab dem 16. Jahrhundert wurden türkische Seeräuber in den Hafenstädten Algeriens, Tunesiens und Libyens aufgenommen. Diese Entscheidung  führte zur Anerkennung der Oberherrschaft der Osmanen, als Beschützer der islamischen Gemeinde ("Umma"). Nur Marokko konnte trotz des Verlustes von wichtigen Hafenstädten (Ceuta 1415, Melilla 1497, Tanger 1471, Agadir 1505) aus eigener Kraft seine Unabhängigkeit gegen sowohl die Christen als auch gegen die Türken behaupten, wobei es sich der äußeren Welt total verschloss.

Die Notwendigkeit einer Verbundenheit gegen die äußeren Drohungen konnte zwar die inneren Gegensätze einfrieren, nicht aber abschaffen. Den türkischen Seeräubern gelang es, ihre Macht in Tunesien, der ehemaligen Provinz "africa", zu befestigen. Sie haben sich sogar mit den Einheimischen soweit vermischt, dass sie im 19. Jahrhundert kaum mehr von den Tunesiern zu unterscheiden waren.

Ganz anders in Algerien, wo die türkische Verwaltung, deren Hauptaufgabe die Erhebung der Steuern war, auf einige strategische Stadtgebiete beschränkt war. Die Masiren in den Bergdörfern und die meisten Nomadenstämme in der Steppe und der Wüste haben weiterhin ihre Autonomie bewahrt, auch  wenn sie den Türken gelegentlich Truppen für die Verteidigung der Küste zur Verfügung stellten (154).

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Aus dem Buch "Koloniale Eroberung und kulturelle Identität" (1989) von Dr. B. A. Ouamar